Was ich am Leben liebe.

In den letzten Wochen habe ich sie wieder gefunden. Gefühlt liegt auf einmal ein riesiger Haufen purer Lebenslust vor mir. Ich hadere weniger mit dem, was sich negativ auf mich nieder legt. Ich versuche alles positiver zu sehen und es gelingt mir. Nicht alles ist im Leben schlecht, wenn man viel negatives erlebt.

Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, die es wert sind, betrachtet zu werden. Ich könnte weinen darüber, dass mein Alltag gerade aus „Vergessen“ besteht. Ich kann es aber auch als Chance sehen und meinen Alltag auf das „Jetzt“ ausrichten. Und seit einigen Wochen mache ich es und es gelingt mir besser.

Ich traue mich diverse Dinge, die ich mich lange Jahre nicht getraut habe. Ich hatte immer lange Haare. Sie waren zuletzt meine Sicherheit gewesen und ich habe mich gerne hinter ihnen versteckt. Über ein Jahr lang habe ich mit mir gerungen, sie endlich etwas kürzer zu schneiden. Ich dachte, wenn ich sie abschneide, ist nichts hübsches mehr an mir. Ich hatte auch Angst vor dem Bild im Spiegel, dass es mich an etwas anderes erinnert. Als Kind hatte ich gezwungener Weise kurze Haare. Ich wurde nicht gefragt, ob ich sie so haben möchte.

Aber ich hatte nun schon so lange mit dem Gedanken gespielt, dass ich es mich langsam getraut habe. Erst wurde es ein langer Bob, dann ein kürzerer Bob. Kurz darauf noch kürzer und nun habe ich mich endlich getraut und den Pixie Cut gewagt. Die beste Entscheidung seit langem. Nachdem ich nun auch ein paar Kilo abgenommen habe und mich auch getraut habe etwas Farbe in mein Leben zu lassen, fühle ich mich mit meiner knallroten Kurzhaarfrisur unglaublich wohl.

Etwas selbstsicherer, nicht ganz so sehr selbsthassend mehr. Heute war ich wieder mutig und habe mich getraut ein armloses Shirt zu kaufen und dieses auch zu tragen. Ja, ich habe meinen Mann damit genervt und ihn gefühlt eine Millionen Mal gefragt, ob ich darin dick aussehe. Aber nun sitze ich hier und trage es und versuche es heute Abend in die Waschmaschine zu stecken und es morgen nochmal zu machen.

Ich bin eigentlich der Typ Mensch, der so ein geringes Selbstbewusstsein hat, dass ich sogar bei 30 Grad im Schatten längere Ärmel und eine lange Hose trage. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist es vollkommen bekloppt. Man setzt sich selbst komische Regeln und lebt danach.

Ich versuche mich aus meinem selbstgeschneiderten, viel zu engem Korsett zu befreien und Dinge einfach auszuprobieren, die immer ein No Go waren für mich. Bunter Lippenstift, ausgefallenes Make Up oder bunt glitzernde Fingernägel? Warum denn nicht? Das Leben ist zu kurz, um sich selbst hinter eigen gesetzten Grenzen zu versperren.

Und seit ich anfange so zu denken und nicht mehr das Gefühl habe, ausschließlich den anderen gefallen zu müssen, fange ich an mir selbst mehr zu gefallen. Ich fange an kleine Dinge an mir selbst wertzuschätzen. Und ich glaube ich fange auch an, in meiner Persönlichkeit stärker zu werden.

Viele sagen mir oft ich sei zu nett und die Menschen würden das ausnutzen. Ich solle das ändern. Nein, das tue ich nicht. Ich lebe  und behandle Menschen so, wie ich selbst auch behandelt werden möchte. Emphatisch, freundlich und zuvorkommend. Gerade in unserer heutigen Zeit sind das Persönlichkeitsmerkmale, die selten geworden sind. Sagt man mal im Supermarkt „Danke“ und „ich wünsche ihnen einen schönen Tag!“, kann man beim Gegenüber erkennen, wie selten das geworden ist und was es aber auch für eine kleine Freude bringen kann.

Das will ich mir nicht abtrainieren. So bin ich nicht und das werde ich auch nicht. Und das möchte ich meinen Kindern mitgeben, auf ihren Wegen. All das sind Dinge, die ich gerade am Leben liebe. Es ist eigentlich, bis auf das Vergessen, eine gute Zeit!

Beitragsbild: Wencke Schröder

Es gibt keine Garantie für ein „Gestern“!

Unser Leben ist so ausgerichtet. Wir schwelgen im ‚Gestern‘ und vergessen das ‚Heute‘, nur um nach dem zu streben, was morgen ist. So sind wir. Wir werden darüber definiert, was wir gestern einmal waren und nur das zählt. Kaum einer nimmt sich die Sekunde, um sich ein Bild von einer Person zu machen. So, wie sie jetzt ist. Und wir bauen uns kontinuierlich das ‚Morgen‘ auf.

Nur so können wir etwas werden. Was zeigt mir meine Situation, in der ich irgendwie stecke? Egal, was bei den Arztterminen rauskommt oder eben auch nicht. Mein ‚Gestern‘ nehme ich nie wieder für selbstverständlich. Die Erinnerungen, die ein Mensch hat, sind unbezahlbar und für mich das wertvollste der Welt.

Aber es ist vergänglich. Egal wie sehr wir versuchen die Erinnerungen zu konservieren. Wir können sie verlieren oder sie werden einem genommen. Meine Ärztin sagte mir, dass sich viele ihrer Patienten genau das wünschen würden. „Einfach die Vergangenheit vergessen!“, sagte sie dabei recht flapsig. Aber will man das wirklich?

Egal wie gut oder wie schlecht unsere Erinnerungen sind. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Sie machen uns vorsichtiger, emphatischer oder aber auch traurig. Aber irgendwie gehört es zu einem Menschen und es gehört zum Leben. Und irgendwann kommen auch wieder Erinnerungen, die schön sind. So schön, dass man Angst hat, sie könnte verloren gehen. Wir machen Bilder, schreiben es uns auf oder machen ein Video daraus. Und irgendwie, sind diese Bilder für einen Menschen doch auch immer irgendwo im Herzen.

Ich suche diese Stelle verzweifelt. Ich suche meinen Speicherort, an dem all die schönen Babybilder sind. Der Ordner, in dem ich meine Hochzeitsbilder, Gerüche und Emotionen vorhanden sind. Ich möchte sie nicht aufgeben.

Immer wieder höre ich, dass diese wiederkommen werden. Aber nachdem nun schon Monate vergangen sind und das Vergessen jeden Tag aufs Neue einen großen Platz in meinem Alltag einnehmen, bekomme ich Angst, dass ich sie vielleicht verloren habe. Für immer.

Ich versuche positiv zu denken, ausreichend zu schlafen und den Stress so gering wie möglich zu halten. Immer in der Hoffnung, dass ich die Erinnerungen endlich wieder bekomme. Sollten die wieder kommen, geht es mir gut. Bis dahin warte ich einfach noch ein bisschen.

Beitragsbild: Wencke Schröder

26 Jahre alt und der Demenztest!

In den letzten Tagen nimmt das alles doch eine ganz andere Richtung ein. Die Amnesie ist noch immer da und wird schlimmer. Immer mehr geht verloren und ist weg. Bisher hatte ich noch keinen Moment, wo ich dachte, dass es jetzt endlich wieder da sei. Erschreckend und irgendwie auch bedrückend.

Ich habe Angst meine ganzen Erinnerungen zu verlieren. Das ist doch das, was einen Menschen ausmacht. Seine Erinnerung. Das ist das, was uns formt und uns die Persönlichkeit gibt, die wir nunmal haben.

Es ist das wertvollste, was wir haben. Ich hatte immer ein gutes Gedächtnis. Immer, ohne Einschränkung. Und nun ist da etwas, was mir all das nehmen möchte. Bislang hat meine Ärztin das alles auf meine Psyche geschoben. Mein Erlebtes würde Momente im Leben auslöschen, die unerträglich sein. Aber warum werden mir meine schönen Erinnerungen auch genommen? Heute hat Sie das erste Mal wirklich wahrgenommen, wie stark die Ausprägung nun ist.

Am Dienstag habe ich schon einen Test gemacht, der zeigen sollte, ob ich kognitive Einschränkungen habe. Habe ich. Der Test war nicht eindeutig, aber definitiv im Graubereich. Aus meinen Erzählungen heute zog sie ihre Diagnose „Dissotiative Störung“ zurück. Mit einem Eiltermin soll ich am Montag mich beim hiesigen Neurologen vorstellen. Jeder, der mal einen Termin beim Neurologen haben wollte, weiß wie selten man so einen eilenden Termin bekommt.

Ich stelle mich gleichzeitig in der Gedächtnisambulanz in Hannover vor. Die Dame dort versuchte mich zu beruhigen, aber das wollte nicht so recht klappen. MRT, Lumbalpunktion, EEG und diverse Bluttests werden in den nächsten Wochen auf mich zukommen. Ich versuche positiv zu denken und mir keine Sorgen zu machen.

Aber mit allem, was ich gerade im Alltag vergesse, fällt es mir absolut nicht leicht. Es gibt viele Auslöse für so ein Krankheitsbild. Ich hoffe, dass sich schnell der Auslöser finden lässt.

Beitragsbild: Wencke Schröder