Das bin ich

Ich schreibe diesen Text nun so, als würde ich mit einem guten Freund sprechen. Irgendwie glaub ich, dass es mir so vielleicht einfacher fällt, etwas auszusprechen, was in meinem Vokabular keinen Platz hat. Ich mag die Bezeichnung nicht und sie beschreibt nicht im geringsten, was es eigentlich wirklich ist. Aber ich möchte es loswerden, als eigene Bestätigung für mich, dass ich gewachsen bin und endlich von dem Ganzen Abstand nehmen kann und auch darf. Es ist ein Teil von mir, aber es soll mich nicht mehr bestimmen. Wenn ich das in meinem Leben erreiche, habe ich es geschafft.

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Wo fange ich bei so etwas nur an? Ich weiß, dass ich hier gerade ordentlich um den heißen Brei herumrede und noch eine Runde nach der anderen dazu packe. Aber es ist wirklich schwer. Es ist ein Thema, was eigentlich in unserer Gesellschaft keinen Platz hat. Und ich merke ja auch in meinem sozialen Umfeld, dass es nie ausgesprochen oder angesprochen wird. Das macht es schwierig, sich damit auseinander zu setzen. Manchmal möchte man nicht den professionellen Weg über Therapeuten und Psychologen haben. Manchmal ist es auch einfach die Schulter zum Anlehnen bei einem guten Freund, die so wichtig ist.

Mag man eine Person ist es oft heilsamer, etwas loszuwerden, als wenn es in einer Sitzung genau aufgearbeitet und verarbeitet wird. Dabei denke ich, dass diese Akzeptanz im Umfeld so viel ausmachen würde, würde es sie geben. Ich habe inzwischen eine Hemmung vor meinem eigenen Thema entwickelt, dass ich selbst in den Gesprächen es nicht mal im Ansatz anspreche. Gefühlt hat es nirgendwo einen Platz, wo ich es mal für eine Stunde lassen könnte. Mir geht es nicht um die Taten selbst, denn die braucht man nicht thematisieren. Für mich war das drum herum wesentlich schlimmer. Und da sind wir schon bei den „Taten“.

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Ich bin als kleines Kind sexuell Vergewaltigt worden. Wie gesagt, ich hasse diesen Ausdruck und ich werde ihn auch nicht ein zweites Mal niederschreiben. Es sagt eben nicht, was es eigentlich ist. Es geht über die eigentliche Tat weit hinaus und das Ausmaß dessen, sind sich nur wenige bewusst. Wie oft wird in den Medien mit Vorurteilen und falschen Tatsachen um sich geworfen.

Vielleicht war auch das ein Grund, warum ich so lange nach der Verhandlung nicht davon gesprochen habe. Sich diesem Bild zu stellen und damit auch „Erwartungen“ erfüllen zu müssen. Auch wenn diese negativ sind. Aber es ist ein Druck da, so sein zu müssen, wie man dargestellt wird. Jeder hat ein bestimmtes Bild eines Opfers.

Irgendwie kann ich von Glück reden, dass ich da nie so richtig reingepasst habe. Auf der anderen Seite war aber auch das irgendwie die Tragik dahinter. Das alles blieb 12 Jahre lang unentdeckt. Niemand sah das kleine Mädchen hinter der Fassade und dem Bild nach außen. Alle kleinen Hilferufe und Botschaften meinerseits blieben bis zu einem bestimmten Tag ungehört. Ich war sie, die Dunkelziffer.

Mich hatte niemand auf den Schirm und ich glaube, als das Zutage kam, waren sehr viele Menschen tief erschüttert. Doch gerade dieses Gefühl hat einen noch größeren Keil zwischen mir und die anderen getrieben. Damals wusste niemand so richtig, wie er mit mir umgehen soll. Und ich wusste ehrlich gesagt auch nicht, wie ich in dieses neue Bild von mir passen soll.

Ich war überfordert mit mir und der Welt. Erwachsen war ich schon früh, aber eher undercover. Als nun die Wahrheit auf dem Pult des Richters lag, war ich es auch in den Augen der anderen. Man sah ihnen an, dass sie wussten, dass ich keine Kindheit hatte. Betroffenheit, Wut und Überforderung war in ihrem Verhalten zu erkennen. Selbst Menschen, die in diesem Bereich arbeiteten, waren an ihrer Grenze.

Da stand ich also mit 16 Jahren und wusste nicht, was aus mir und meiner sonst bekannten Welt werden sollte. Die Gerichtsverhandlung war das wohl härteste an dieser Zeit. Ich musste für mich früh erkennen, das Täterschutz und Opferschutz damals auf einem Level standen und wie ich damit zurechtkommen sollte, hat mir keiner gesagt. Nach der Urteilsverkündung begann meine Freiheit auf Zeit.

Ich habe meine Ausbildung angefangen und begann an dieser Freiheit zu arbeiten. Ganze 6 Monate vergingen, in der ich aufblühte und meinen Platz so langsam fand. Eines Tages bekam ich die Mitteilung, dass gegen das Urteil eine Revision eingelegt wurde. Ab da begann das scheinbar bodenlose Fallen.

Ich hatte mich so geirrt. Ich dachte tatsächlich, dass ich endlich frei sei und mein Leben einfach leben dürfte. Mit diesem Bescheid wurde mir aber klar, dass er da ist, auch wenn er nicht direkt anwesend war. Die Panik nahm ihren Lauf und ich bekam wieder die Todesangst, die mich schon immer begleitete. Sie lähmte mich förmlich und in dieser Zeit hatte ich oft komplette Blackouts. Der Körper und der Kopf haben mir diese Zeit sehr übel genommen und sich Phasenweise komplett ausgeschaltet. Zig mal, wurde ich mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren, weil ich krampfte und die Atmung streikte. Ab da wusste ich, dass es so nicht mehr geht.

Ich hatte meinen Halt verloren und bin aus meiner Heimatstadt geflüchtet. Anders kann ich diesen Auszug nicht beschreiben. Ich habe fast alles hinter mir gelassen und mich eingeigelt. Ich wollte es nicht mehr. Es fühlte sich sinnlos an, auch nur noch einen einzigen Tag weiter zu planen.

Auch diese Gerichtsverhandlung kam und auch diese war mit zig Verfahrensfehlern behaftet. Ich konnte mich nicht ausreichend dagegen wehren und wollte, dass es einfach endlich aufhört.

Nun gehen wir ganze 8 Jahre weiter. In der Zwischenzeit habe ich irgendwie die Kurve bekommen und mein Leben zumindest etwas geplant. Ausbildungen und mein beruflicher Werdegang wollte nicht so recht klappen. Ich glaube, dass Angst ein ganz großer Trigger bei mir ist, der in Prüfungssituationen zu völligen Blackouts führte. So war es einfach nicht möglich, auch nur einen Schritt nach Vorne zu gehen.

Die Angst vor ihm war immer und ist noch immer da, auch wenn sie reell nicht mehr da ist. Wieder kryptisch, aber weiter werde ich da nicht drauf eingehen. Ich kenne kein Leben ohne Angst und es ist ironischer Weise ziemlich schwer, sich an eins ohne Angst zu gewöhnen. In dieser Phase bin ich nun. Ich versuche mein Leben zu planen, Ziele zu schaffen und endlich zu Leben. Ich muss noch herausfinden, wer ich eigentlich bin. Dazu gehört auch, dass ich endlich erkenne, dass es vielleicht doch Menschen gibt, die mich mögen, ganz einfach so wie ich bin. Das Selbstwertgefühl ist etwas, was bei mir ganz großen Schaden genommen hat. Ich muss es erst lernen, dass ich mich selbst auch akzeptieren darf, so wie ich bin und dass ich vielleicht doch auch ein Mensch bin, der vielleicht liebenswert ist.

Es ist ein Prozess, der viel Energie, Zeit und Geduld benötigt. Aber auch wenn die schwarzen und dunklen Tage da sind, weiß ich, dass es eines Tages anders sein wird. Ich werde nicht immer die Person sein, die mit ihrem Leben und der Vergangenheit hadert. Ich habe den Willen es mir selbst zu beweisen! Und ich glaube, dass mir das vielleicht auf langer Sicht auch helfen wird zu sehen, dass das Leben in all seinen Facetten bunt ist und ich einfach nur den Pinsel in die Hand nehmen muss und anfangen darf, es selbst zu gestalten.

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