Warum schläfst du nicht?

Heute war mal wieder eine Nacht, die man sich so nicht wünscht. Eine Erholung ist kaum möglich und im Grunde ist man noch erschöpfter, als am Abend. In der Nacht geht es in meinen Gedanken rund. Das ist die Zeit, in der mein Sicherheitssystem auf Hochtouren arbeitet und das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Es ist eine irrationale Angst, denn zu befürchten habe ich nichts.

Mein Mann hat damals bei unserem Hausbau auf viele Dinge geachtet, die mir ein besseres Gefühl von Sicherheit geben sollen. Und ich weiß, dass so schnell keiner in unser Haus kommen kann.

Und trotzdem lässt mich dieses Gefühl nie so ganz los. Immer in Lauerstellung und auf der Hut schläft es sich auch einfach blöd. Ich werde bei jedem Geräusch wach und schlafe so angespannt, dass ich am nächsten Tag mit Muskelschmerzen aufwache. Durch diesen Zustand von Anspannung falle ich aber auch leichter in Flashbacks, die bei mir zu einem totalen Kurzschluss führen. Flashbacks lassen einen eigentlich sowohl körperlich als auch geistig noch einmal durch die Situation gehen, die das Trauma ausgelöst hat. Man kann die Schmerzen zum Teil spüren und auf jeden Fall das ehrliche und pure Gefühl von Angst.

Es kann aber auch sein, dass sich die Abwehrsysteme wieder einschalten, die einem damals geholfen haben, keinen größeren Schaden davonzutragen. Bei mir kommt es häufig zu Krampfanfällen und den Zustand der Dissoziation. Auf der einen Seite ist es gut, denn ich selbst erinnere mich nicht daran. Mein Körper schon. So ein Krampfanfall geht ganz schön auf die Muskeln und man fühlt sich anschließend, als hätte man einen Marathon durchgemacht.

Ich möchte das nicht erzählen, damit ich in irgendeiner Weise vielleicht Mitleid erhalte. Es geht vielmehr darum, dass ein Verständnis dafür wächst, dass es eben nicht so einfach ist, die körperlichen Symptome loszuwerden. Dass es auch nicht so leicht ist, ins normale Maß zurückzufinden, wenn einen der Körper immer wieder in diese Situation zieht.

Und für mich ist es wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist. Dass es auch andere gibt, die darunter leiden.

Bildquelle: Wencke Schröder

Warum hast du noch keine Therapie gemacht?

Immer wieder werde ich in Gesprächen gefragt, warum ich denn noch keine Therapie gemacht habe. Und gerade heute, wo ich mich so stark darum bemühe, weiß ich warum. Es ist nicht einfach, jemanden finden, der einem helfen kann und möchte. Und selbst wenn es jemand möchte, muss man selbst noch immer entscheiden, ob diese Person die richtige ist.

Und dann ist da noch das Gesundheitssystem, dass einen fast dazu nötigt, den erst besten zu nehmen, nur weil dieser in einer moderaten Zeitspanne einen Termin einräumen kann.
Die Realität ist knallhart. So schön es vielleicht klingen mag, „sich Hilfe zu suchen“. So hart ist es aber in der Wirklichkeit. Traumakliniken, die Wartezeiten von bis zu einem Jahr haben, Therapeuten, die einem nicht einmal eine Warteliste anbieten, geschweige denn eine Sprechzeit, die länger als eine halbe Stunde in der Woche ist, in der man wirklich Glück haben muss, um zumindest persönlich eine Absage zu bekommen. Das macht eine Situation schwieriger, die eh schon schwer ist.

Bildquelle: Wencke Schröder

Lasst uns anfangen!

Okay. Das mache ich für mich. Um für mich, meinen Prozess irgendwo festhalten zu können. Ich hoffe, dass es keine negativen Auswirkungen auf meine Familie und mein Umfeld haben wird. Aber ich glaube, dass es richtig so ist. Es waren harte Monate, wenn nicht Jahre, die hinter mir liegen. Ich will offener sein und mich nicht mehr hinter einer Fassade verstecken, die ich einfach nicht bin. Ich habe in meinem Leben als Kind schreckliches erlebt.

Es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich liebe es eine Mutter zu sein. Aber es ist mir nicht in die Wiege gelegt worden, es einfach zu sein.

Ich lebe mit starken Flashbacks, Panikattacken und diversen Ängsten. Jeden Tag treffe ich auf zig Trigger, die versuchen mir immer wieder vor Augen zu halten, was ich erlebt habe.

Und nun fragen sich einige bestimmt, warum ich etwas so öffentlich teile, was doch eigentlich sehr privat ist. Wahrscheinlich mache ich es, weil ich selbst in einigen Nächten nach jemanden gesucht habe, dem es vielleicht genauso geht.

Es fühlt sich oft schrecklich an, der Exot unter den „Normalen“ zu sein. Dabei bin ich normaler, als ich manchmal denke. Es ist noch immer eine große Dunkelziffer, noch immer viele Menschen, die ihr Leid im Dunklen ausleben. Es wird lange ein Tabuthema sein, das will ich ändern. Zusammen ist man stärker, lasst uns anfangen.

Bildquelle: Wencke Schröder

Meine Reise, die eine andere ist.